Zahme Ziegen?
Ziegen sind Nutztiere.
Je nach Haltung und Erwartung ist es deshalb für den einen mehr, für den anderen weniger wichtig, wie zutraulich und umgänglich die Tiere im Alltag sind.
Diese Seite richtet sich ganz bewusst an diejenigen unter euch, die beabsichtigen, ihre Ziegen als vollwertige Familienmitglieder zu sehen - und die großen Wert auf ein harmonisches, inniges und von tiefem Vertrauen geprägtes Miteinander legen.
"Von Grundvertrauen, ruhiger Konsequenz und der Verhaltensbiologie der Flucht".
"Wie bekomme ich meine Ziegen eigentlich so richtig schön zahm?"
Mir fällt immer wieder auf, wie viele Menschen sich genau diese eine Frage stellen.
Fragt man Züchter oder erfahrene Halter, lautet die Antwort meist:
„Mit Zeit, Liebe und viiiiel Geduld.“
Und nein - ich möchte gar nicht sagen, das diese Antwort falsch ist.
Liebe und Geduld sind wunderbar. Aber meiner Meinung nach gehört noch ganz Entscheidendes dazu, damit der Funke wirklich überspringen kann: ruhige Konsequenz und Wissen.

Augen auf beim Ziegenkauf: Das Fundament wird im Stall gelegt
Ziegen zahm zu bekommen ist absolut kein Hexenwerk! Aber manche Meckernasen bringen je nach Aufzucht und gemachten Erfahrungen von Haus aus einfach schon ein ganz anderes Grundvertrauen mit als andere.
Schaut deshalb schon vor dem Kauf ganz genau hin - völlig egal, ob ihr euch für verspielte Jungspunde oder gestandene Alttiere entscheidet:
- Wie verhalten sich die Tiere? Sind sie neugierig und zugänglich oder weichen sie euch sofort aus?
- Wie gibt sich die restliche Herde? Lassen sich die Mütter und die anderen erwachsenen Tiere vom Besitzer - oder vielleicht sogar von euch - problemlos streicheln und kraulen?
- Wie wachsen die Kleinen auf? Gerade Jungtiere bis ungefähr zur 4. Woche sind von Natur aus oft vorsichtig. Das ist nämlich ziemlich schlau von der Natur so eingerichtet. Davon solltet ihr euch also beim ersten Kennenlernen keineswegs verunsichern lassen.
Trotzdem könnt ihr euch später unglaublich viel Frust ersparen, wenn ihr bereits beim Kauf darauf achtet, wie menschenbezogen die Tiere aufgewachsen sind.
Vor allem dann, wenn ihr euch nichts sehnlicher wünscht als echte Herzens-Ziegen.
Mein Herzens-Tipp also: Kauft nach Möglichkeit Tiere, die Menschen bereits kennen und von Herzen mögen ❤️
Der Ankunftsprozess: Wenn die Neugier die Regie übernimmt
Und was ist, wenn die neuen Mitbewohner nun (noch) nicht zugänglich sind?
Dann gilt zuerst einmal: Durchatmen und ganz in Ruhe ankommen lassen.
Setzt euch einfach zu ihnen ins Gehege, verbringt Zeit bei ihnen und lasst die Neugier für euch arbeiten. Denn Ziegen sind unfassbar neugierige Nasen! Und ja … Liebe geht durchaus auch bei den meckernden Vierbeinern durch den Magen. Verwöhnt sie ruhig eine Weile mit den besten Leckereien.
Mit den ersten Streichelversuchen solltet ihr allerdings vorsichtig sein. Je nach Charakter und bisheriger Erfahrung kann eine Ziege noch so scheu sein, das sie bei einer unüberlegten Annäherung sofort die Flucht ergreift.
Deshalb solltet ihr zunächst nur bei Tieren Körperkontakt suchen, bei denen ihr sicher seid, das sie nicht aus Angst vor euch zurückweichen.
Bei besonders scheuen Tieren braucht es daher einen anderen Ansatz.
Hier arbeite ich mit einer ruhigen, konsequenten Fixierung, um überhaupt erst vorsichtig Körperkontakt aufbauen zu können.
Sehr hilfreich ist es in dieser Phase, wenn die Tiere bereits Halsbänder tragen.
Sie erleichtern die sichere Handhabung und helfen dabei, auch mit sehr scheuen Kandidaten gezielt zu arbeiten.

An dieser Stelle auch ein gehörnter Appell von mir: Die Hörner einer Ziege dienen nicht als Hilfsmittel zum Festhalten. Die Hörner sind nicht nur empfindlicher als man meint, sie sind durchblutet und die Ziege spürt den starken Griff, der sie bewegungsunfähig macht. Ich denke es ist somit einleuchtend das dies einer Ziege nicht gefällt.
Aber warum ist eine Fixierung am Halsband hilfreich?
Die Antwort liegt in der Verhaltensbiologie der Ziege - und genau die schauen wir uns jetzt einmal genauer an.
Die Psychologie der Flucht: Warum weglaufen der Ziege immer recht gibt
Hier kommen wir zu einem Punkt, der in der Praxis so oft übersehen wird - und der die Verhaltensbiologie von Fluchttieren perfekt auf den Punkt bringt:
Das Problem bei der Flucht ist, das sie sich ständig selbst bestätigt.
Sprich: Flucht ist aus Tiersicht immer richtig, weil schlichtweg nichts passiert ist!
Wenn ihr versucht, eine scheue Ziege zu streicheln, und sie jedes Mal einfach weggehen kann, lernt sie eigentlich nur eines:
„Ich muss ausweichen, und schwupps - ist die ungemütliche Situation vorbei.“
Sie hat durch den ständigen Rückzug oft gar keine Gelegenheit zu merken, das ihr überhaupt nichts Böses mit ihr machen möchtet.
Die mutigen Charaktere bleiben irgendwann von alleine stehen und genießen die Krauleinheiten. Aber es gibt eben auch die sehr sensiblen und misstrauischen Ziegen, denen man erst zeigen muss: Du musst dich nicht entziehen. Du bist absolut sicher. Ich beende die Situation für dich.

Wie sieht das in der Praxis aus?
Damit keinerlei Missverständnis entsteht: Mit Fixieren meine ich weder grobes Packen noch Umwerfen, Anbinden oder gar den Versuch, den Willen einer Ziege zu brechen! Sondern ein ruhiges, kontrolliertes Vorgehen, bei dem Sicherheit an erster Stelle steht:
1. Souverän fixieren: Fixiert die Ziege zügig und sicher am Halsband, damit gar nicht erst ein langes Hin und Her entsteht. Startet den Versuch nur, wenn ihr euch sicher seid, sie auch halten zu können und sie euch nicht entwischt. Das wäre kontraproduktiv.
Übrigens: Sollte das "Einfangen" einer kleinen Jagd gleichen - keine Sorge! Mit jedem Mal, endet dieser aufreibende Moment wiederrum mit etwas Positiven. Dies ist Sensibilisierung wie wir es uns wünschen, solange am Ende eine positive Erfahrung steht. Für die Ziege ist dies in erster Linie und vorallem am Anfang: "Ich habe überlebt!"
2. Ruhe vermitteln: Haltet die Ziege ruhig und sicher am Halsband fest und strahlt dabei selbst Ruhe und Sicherheit aus. Lasst sie keinesfalls in Hektik und Angst wieder los! Wichtig ist: Atmet. Atmet tief durch und entspannt. Zählt bis 10 und lasst Ruhe einkehren und haltet sie entspannt am Halsband.
3. Positiven Körperkontakt herstellen: Nutzt eure freie Hand, um die Ziege sanft an der Schulter zu kraulen und sie vorsichtig an die Berührung zu gewöhnen. Krault mit den Fingern tief ins Fell, statt sie mit der flachen Hand zu streicheln. Bleibt anfangs an der Schulter. Später darf es auch die Brust, die Wangen oder der Rücken sein. Das Gesicht und der Bereich hinter den Hörnern ist dran, wenn bereits Vertrauen aufgebaut wurde.
4. Den richtigen Moment abwarten: Diese kleine Übung muss nicht lange gehen. Zwei bis drei Minuten und ein- oder zweimal am Tag genügen. Beendet die Fixierung aber erst dann, wenn die Ziege zur Ruhe gekommen ist, und wendet euch anschließend ruhig von ihr ab. Lasst sie nach Möglichkeit nicht vor euch wegrennen, sondern dreht ihr den Rücken zu und geht langsam von ihr weg.
Die eigentliche „Belohnung“ für ein sehr scheues Tier ist anfangs nämlich gar nicht das Kraulen selbst - sondern das saubere Ende der Übung.
Und genau deshalb ist der Moment, wann ihr loslasst, so extrem wichtig: Nicht mitten im Gezappel! Nicht beim Wegziehen! Nicht unter Druck oder Angst! Sondern exakt dann, wenn die Ziege kurz in sich geht und ruhig wird. Denn genau DAS brennt sich im Ziegenköpfchen ein.
Die Ziege lernt: „Ich musste gar nicht flüchten. Mir passierte absolut nichts.“
Später kommt die echte, tief gefühlte Entspannung durch das Kraulen von ganz alleine hinzu ❤️
Persönlichkeiten respektieren & Mut fassen

Wenn man dies einige Male ruhig, liebevoll und konsequent macht, merkt ihr unglaublich schnell, wie die Tiere auftauen und entspannter werden.
Trotzdem gehört zur Ehrlichkeit auch dazu:
Echte Verschmustheit und tiefes Vertrauen lassen sich nicht herbeizaubern.
Der individuelle Charakter einer Ziege spielt eine riesige Rolle. Es gibt die wahren Kuschelbären unter den Ziegen, die gar nicht genug bekommen können und es gibt diejenigen, die sich schlichtweg nicht jeder Kraulattacke hingeben möchten. Und gerade ältere Tiere, die Menschen bisher eher nur als Futterbringer und nicht als Partner kennengelernt haben, tun sich oft deutlich schwerer damit, ein tiefes Vertrauen aufzubauen.
Aber: Ausnahmen bestätigen natürlich wie immer die Regel!
Mit der richtigen Mischung aus Herz, Verstand und klarer Sprache wächst man Schritt für Schritt zu einem Team zusammen.
Also: Nur Mut!
